Im Spielraum haben wir in der letzten Woche den Kölner Astrologen Jan Reimer eingeladen, um uns die Frage zu beantworten, wie die Welt in 100 Jahren aussieht. Dies war nur einer in einer Reihe von Beiträgen, die sich an unserem Thementag mit langfristigen Prognosen der Bevölkerungs- bis hin zur Wirtschaftsentwicklung befassten. Da auch methodisch strenge Wissenschaften wie Demographie und Ökonomie in einem säkularen Prognosezeitraum nicht mit letzter Gewissheit Auskunft über die zukünftigen Zustände geben können, schien es uns redlich, hier den Vertreter einer Prognostik zu befragen, die sich solche Zeiträume mühelos zutraut.
Das Gespräch, das Alex Buchwald in seiner an Humescher Skepsis geschulten Art („ …haut nicht irgendwann ein Asteroid den Mars nach links raus, und dann war’s das mit der Vorhersage…?“) geführt hat, erntete Kritik. Besonders heftig entlud sie sich auf der Website scienceblogs.de. Dort hat Florian Freistetter alias Astrodicticum Simplex uns gehörig eingeschenkt.
Bei DRadio Wissen ist man anscheinend echt zu blöd (ich kanns grad nicht anders ausdrücken) zu bemerken, das unkritische Beiträge dieser Art nichts mit Wissenschaft zu tun haben und bei einem öffentlich-rechtlichen Sender der einen gewissen Anspruch haben will einfach nur peinlich sind.
Nach dieser steilen Polemik entwickelte sich auf scienceblogs.de eine Debatte – die Zahl der Kommentare beträgt mittlerweile über 200 – über den Unsinn astrologischer Prognosen, die Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, Meinungsfreiheit, Epistemologie, lateinische Orthographie und was andere spannende Themen mehr sind. Bemerkenswert daran ist vor allem, dass keiner der Diskutanten auch nur einen Moment auf die Idee kommt, wir hätten vielleicht die Sache mit den Sternen nicht ganz so ernst gemeint, wie Herr Reimer (Astrologe) es schon allein aus Gründen des Selbstrespekts tun muss, und Herr Freistetter (Astronom) es befürchtet.
Wir sind aber nicht allzu gekränkt, denn Humor ist naturgemäß in den strengen Wissenschaften, oder genauer: bei denen, die sie besonderes eifrig vertreten, selten. Wer sich mit der Wahrheit beschäftigt, Platon bleibt hier bis heute Vorbild, lacht vielleicht bei anderer Gelegenheit auch mal gerne, aber gewiss nicht im Kontext seiner Disziplin. Sonst würde sie ja auch gar nicht so heißen.
Diese stolze Humorabstinenz erwartet Herr Freistetter offenbar auch von einem Medium, das den Begriff Wissen im Programmnamen trägt. Wir erlauben uns hier in aller Verbundenheit mit scienceblogs.de einen freundschaftlichen Dissens zu markieren. Wissenschaft ist für uns, wenn jemand etwas wissen will. Nicht wenn er behauptet, etwas zu wissen. Wir haben nämlich unseren Popper gelesen, aber auch unseren Rorty. Die meisten Supatopcheckabunnies findet man dementsprechend in den Proseminaren, auf dem Weg zur Promotion werden sie seltener. Ironie ist eben auch eine Form des Wissens.
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Sehr geehrter Redaktionsleiter,
wie wäre es, wenn Sie auch auf die inhaltlich-methodische Kritik, die nicht nur Florian Freistetter an Ihrem Beitrag geäußert hat, eingingen? Wollen Sie diesen neuen Falls von speziellem DRadio Wissen-Humor auf die selbe Art behandeln wie schon im Januar?