Auch im Netz löst der Bundespräsident Kontroversen aus. Und das führt zu eigentümlichen Ergebnissen. Ein Netzkommentar von Thore Barfuss, The European.
Auch wenn dem Netz im Fall Wulff noch nicht die Bedeutung zukommt, die es im Fall Guttenberg hatte, ist seine Rolle bereits unübersehbar. So scheint die Stimmung dort zwar einen massiven Einfluss auf die kritische Berichterstattung zu haben. Jedoch steht sie nicht stellvertretend für breite Teile der Bevölkerung. Im digitalen Lebensraum hat die Debatte um den Bundespräsidenten bereits neue Worte hervorgebracht. Das neu entstandene “Wulffen” steht dabei für das Changieren zwischen Wahrheit und Lüge und benennt die beabsichtigte Unklarheit und Ausnutzung aller verfügbaren rhetorischen Spielräume. Nicht die einzige Implikation des Netzes bei der anhaltenden Debatte. Das jedenfalls meint Thore Barfuss vom Onlinemagazin The European.
Manuskript
Heute schon gewulfft?
Wie die Geschwindgkeit des Netzes die politische Debatte verändert
Spätestens seit dem Guttenberg-Rücktritt wissen wir, dass das Internet auch in Deutschland ein entscheidender Faktor in politischen Skandalen sein kann. Über 150 Artikel hat allein Spiegel Online, das Internet-Leitmdium seit Beginn der Affäre um Bundespräsident Wulff vor einem Monat veröffentlicht. Das macht mehr als fünf Artikel pro Tag. Gab es früher die drei großen Tonangeber in Debatten: Fernsehen, Radio und Print, sind durch das Internet unzählige neue Spieler aufs Feld gekommen.
Ob Onlinemedien, Blogger, Crowdsourcing oder die Sozialen Netzwerke: alle haben etwas zu sagen, und das auch noch gleichzeitig. Und so verhallt zwar ein Großteil der Kommentare und Beiträge über den höchsten Mann im Staate. Aber wie wenig vorhersagbar die Debatte geworden ist, zeigt zum Beispiel der Beitrag von Hape Kerkeling auf seiner eigenen Facebook-Pinnwand, in dem er den Bundespräsidenten verteidigte und den Springerverlag angriff. Von einem unbekannten Online-Magazin übernommen und über Soziale Netzwerke verbreitet, schaffte es Kerkelings Schimpftirade auf die Bild-Zeitung bis in die klassischen Medien.
Das sich die Geschwindigkeit und die Menge der Beiträge in Debatten durch das Internet verändert haben, mag dabei noch recht offensichtlich sein. Aber es ist ebenso eine neue Qualität dazugekommen. Aktuell zeigen das zwei Beispiele: Wie bei der Aufdeckung des Plagiatsskandals von zu Guttenberg hat sich ein Crowdsourcing-Projekt zusammengefunden, dass die Aussagen von Wulff auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen will. Und mit der stückweiten Rekonstruktion des inzwischen legendären Anrufs von Wulff bei Bildchef Diekmann haben auch sie wieder ein mediales Echo erzeugen können.
Rund um diese Mailboxnachricht zeigt sich ein weiteres neues Pänomen. Wie das „Guttenbergen“ als Synoym für das Abschreiben entstanden ist, gibt es auch ein neues Wort mit dem Nachnamen des Bundespräsidenten. Das „Wulffen“ steht dabei für nicht die Wahrheit sagen, aber auch nicht richtig lügen. Überflüssig zu erwähnen, dass dieses Wort im Internet entstanden und inzwischen durch alle Medien gegangen ist.
Und so rennen die klassischen Medien in den großen Debatten dem Internet oft nur noch hinterher. Wenn man jetzt nach den politischen Implikationen fragt, kann man nur spekulieren. Es erscheint aber logisch, dass der Druck auf Wulff durch das Internet größer ist. Denn während die Öffentlich-Rechtlichen ihre gesamte politische Talkshowbrigade in den Winterurlaub geschickt hatten und die Printmedien sich mit Jahresrückblicksausgaben über die freien Tage retteten, wurde im Netz munter weiter diskutiert. Bisher hat das Netz vor allem das Aussitzen des Skandals verhindert. Im Gegensatz zur Plagiatsaffäre aber hat das Internet noch nicht den entscheidenden Beitrag zum Fall des Bundespräsidenten hinzugefügt.
Bild: Christian Wulff demonstrierte Reue. (dpa | Arno Burgi)
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